«Nachhaltigkeit ist kein hehrer Selbstzweck»

Die Schweiz befindet sich im Nachhaltigkeits-Fieber. Produkte, Unternehmen, Bauwerke, Fahrzeuge und noch mehr sind entweder schon grün und damit nachhaltig – oder sollen es werden. Doch welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Schweizer Wirtschaft? Prof. Dr. Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, macht die Rechnung.

Matthias Mehl

Matthias Mehl

Das Thema «Nachhaltigkeit» ist heute fester Bestandteil der politischen und öffentlichen Debatte. Es bewegt Menschen, weil es sie direkt betrifft. Die Spezialausgabe, die Sie in den Händen halten, ist Zeugnis davon. Da es aber nicht nur darum gehen soll, Innovationen und Fortschritte abzubilden, sondern «Nachhaltigkeit» als Entwicklung auch pragmatisch zu hinterfragen, haben wir Economiesuisse, den grössten Wirtschaftsdachverband der Schweiz, um einen Reality-Check gebeten.


Rudolf Minsch, «Nachhaltigkeit» ist das Trendwort der laufenden Saison. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch das hohe wirtschaftliche Potenzial betont, welches sich für innovative Schweizer Unternehmen ergibt. Wie schätzen Sie das Potenzial des Marktes «Nachhaltigkeit» ein?

In diesem Bereich gibt es durchaus viel Positives zu vermelden, denn die Schweiz ist bereits heute sehr erfolgreich auf diesem Feld unterwegs. Schweizer Firmen tragen mit ihren
innovativen Produkten und auch Dienstleistungen in der ganzen Welt dazu bei, dass die Wirtschaft insgesamt grüner wird. Diese Erfolge wiederspiegeln sich auch in der Statistik. So ist die Schweiz bereits heute die energieeffizienteste Volkswirtschaft der OECD. Der Nachhaltigkeits-Trend wird ohne Zweifel auch in Zukunft weiterhin anhalten. Und für die Schweiz 
eröffnen sich hier grosse Chancen für die Zukunft.

Fakt ist: Die Schweiz gehört zu den innovativsten Ländern der Welt. Zu diesem Schluss kommen internationale Rankings.


Also läuft alles optimal in und für die Schweiz?

Nicht ganz, man muss die Sachlage differenzierter anschauen. Denn obschon die Schweiz in Sachen «Green Economy« gesamthaft gut dasteht, wird der Bereich oftmals zu Unrecht auf einzelne Technologien reduziert,  beispielsweise auf Technologien zur

Erzeugung erneuerbarer Energien. Green Economy beinhaltet jedoch viel mehr als das. Deshalb sollte sich die Politik darauf konzentrieren, möglichst gute Rahmenbedingungen für alle Schweizer Firmen zu schaffen, statt einzelne Technologien zu subventionieren.


Sie loben die innovativen Produkte aus der Schweiz. In welchen Branchen tun sich Schweizer Unternehmen denn besonders hervor?

Fakt ist: Die Schweiz gehört zu den innovativsten Ländern der Welt. Das sagen nicht nur wir über uns selbst, zu diesem Schluss kommen auch zahlreiche internationale Ratings. Aufgrund dieser guten Ausgangslage können sich unsere Unternehmen insbesondere in sämtlichen forschungsintensiven Bereichen hervortun. Dazu zählt etwa der Bereich «Energieeffizienz». In diesem Bereich konnte die Schweiz mit der Energie-Agentur der Wirtschaft auch aufzeigen, dass sich freiwillige und wirtschaftliche Massnahmen im Bereich des Klimaschutzes und der Energieeffizienz lohnen. Dieses Modell kann durchaus auch für andere Länder interessant sein, da es bessere Resultate bringt, als nur starre staatliche Vorschriften.


In welchen Bereichen der Nachhaltigkeit könnte die Schweizer Wirtschaft noch stärker werden?

Nachhaltigkeit ist kein hehrer Selbstzweck, sondern folgt einer normalen wirtschaftlichen Logik und muss sich damit für die involvierten Unternehmen rechnen. Je tiefer der Ressourcenverbrauch, desto tiefer die Kosten und desto höher die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Schweizer Unternehmen bereits heute in allen Bereichen aktiv sind, wo sich die Anstrengungen lohnen.


Sie haben die politischen Rahmenbedingungen angesprochen: Wie beurteile Sie die «Energiestrategie 2050» des Bundes? Könnte sich diese als Hemmschuh für die hiesige Wirtschaft erweisen?

Die Energiestrategie des Bundes setzt leider noch zu stark auf politisch motivierte Lenkung und auf Subventionen. Hier braucht es dringend Korrekturen hin zu mehr Markt, also mehr Spielraum und neue Anreize für Unternehmen. Nur so können wir die gewaltigen Herausforderungen, die der Umbau des Energiesystems der Schweiz mit sich bringt, meistern. Dazu gehört etwa die Abschaffung der kostendeckenden Einspeisevergütung. Diese setzt derzeit falsche Anreize und könnte beispielsweise durch eine klug ausgestaltete Lenkungsabgabe ersetzt werden.

Die Energiestrategie des Bundes setzt leider noch zu stark auf politisch motivierte Lenkung und auf Subventionen.


Als Wirtschaftsverband vertritt Economiesuisse die Interessen der Unternehmer. Welchen Einfluss nehmen Sie auf die gesamte Nachhaltigkeits-Thematik – wie sieht für den Verband eine «wirtschaftsverträgliche» Nachhaltigkeit aus?

Wie erwähnt liegt die beste Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft darin, möglichst gute Rahmenbedingungen für unsere Firmen zu schaffen.

Denn nur erfolgreiche Unternehmen können auch mithelfen, die Nachhaltigkeit weiter zu verbessern. Eine kluge Nachhaltigkeitspolitik fördert daher nicht bestimmte Industriesektoren, sondern schaffte gute Bedingungen für alle Firmen in der Schweiz. Dafür setzen wir uns auf allen Ebenen ein.


Wo müsste man zuerst ansetzen?

Prioritär sind aus unserer Sicht vor allem der Erhalt des guten Marktzuganges zu den EU-Staaten, weshalb die Bilateralen Verträge eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus ist eine wirtschaftsverträgliche Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative nötig sowie eine sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung und die Unternehmenssteuerreform III.