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Fachartikel Peter Betz, Bereichsleiter Technik & Berufsbildung, Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE)

Fit für die Energiezukunft

Die Umgestaltung der Schweizer Energieversorgung ist ein gigantisches Zukunftsprojekt. Ein Schlüssel dafür sind qualifizierte Fachkräfte. Mit ihrem Engagement in der Aus- und Weiterbildung nimmt die Energiebranche ihren Teil der Verantwortung wahr.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von 73‘000 Schulabgängern, die sich für eine Berufslehre interessieren, haben 2013 lediglich 118, also 0,16 Prozent, einen Lehrvertrag als Netzelektrikerin oder Netzelektriker abgeschlossen. Gemäss einer Umfrage des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE vom November 2014 konnte im vergangenen Jahr jede zwölfte Netzelektriker-Lehrstelle nicht besetzt werden. Insgesamt fehlten der Branche vergangenes Jahr 273 Berufsleute in diesem Bereich. Gründe für den Mangel an Nachwuchs sind einerseits auf den Geburtenrückgang zurückzuführen, andererseits auf die steigende Popularität der Maturitätsausbildung. Dieser Trend dürfte sich in den nächsten Jahren verschärfen.


Technik-Begeisterung früh fördern

Die Branche engagiert sich deswegen verstärkt in der Nachwuchsförderung. Dies beginnt bereits im schulischen Bereich: Verschiedene Massnahmen haben das Ziel, die Begeisterung für Technik und insbesondere Energiethemen zu fördern. Unterstützung bietet beispielsweise poweron.ch, eine Plattform, die Lehrpersonen Energiedossiers für die Verwendung im Unterricht zur Verfügung stellt. Kürzlich wurde die Plattform mit einer zweisprachigen App für IOS und Android erweitert. In einem gemeinsamen Projekt der Pädagogischen Hochschule Zürich, der ETH Zürich und dem VSE wurden zudem Unterrichtseinheiten zum Thema Energie für den Unterricht an Schweizer Schulen entwickelt.

Im Bereich der Berufsausbildung bildete die Branche zusammen mit dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) und der Vereinigung von Firmen für Freileitungs- und Kabelanlagen (VFFK) die Trägerschaft für die Reform der Grundbildung Netzelektriker/in mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Im vergangenen Sommer wurde ein wichtiger Meilenstein dieses Projektes abgeschlossen: Der erste Jahrgang hat seine neue Ausbildung nach dem neuen System gestartet: Kern der Reform bildet die Möglichkeit, sich für einen der drei Schwerpunkte Energie, Telekommunikation und Fahrleitungen zu entscheiden und dort vertiefte Kenntnisse zu erlangen. Um die Vorteile des Netzelektriker-Berufes sichtbarer zu machen, wurde im vergangenen Jahr eine PR-Kampagne aufgegleist. Mit der Website netzelektriker.ch sowie Postkarten und Plakaten wurde die neue Ausbildung in der breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht. Für die Lehrstellensuche arbeitet die Branche mit dem Lehrstellenportal Yousty zusammen, dank dem die Schulabgänger schneller und direkter erreicht werden können.


Neue Berufsbilder erkennen

Mit der Energiestrategie 2050 des Bundesrats wächst nicht nur der Bedarf an Netzelektrikerinnen und Netzelektrikern, sondern es entstehen auch neue Berufsbilder. Die komplexen Herausforderungen, welche die Energiestrategie 2050 und die damit verbundenen Ziele mit sich bringen, können nur mit gut ausgebildetem Personal bewältigt werden. Qualifizierte Fachkräfte sind der Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung. Die Wichtigkeit der Energieeffizienz wird beispielsweise zunehmen, und dementsprechend werden neue Experten für die Optimierung des Energieverbrauchs erforderlich. Die Ausbildung «Eidg. dipl. Energie- und Effizienzberater/in HFP» kommt diesem Bedürfnis der Branche nach. Die Ausbildung fokussiert auf Themen wie die Analyse des Energieverbrauchs, die Quantifizierung von Sparpotenzial und die Planung und Umsetzung von Energie-Sparmassnahmen. Der erste Jahrgang der neuen Ausbildung ist im vergangenen Herbst gestartet.

Neben der Energieeffizienz ist der Aus- und Umbau der Netze ein weiteres Schlüsselelement der Energiestrategie 2050. Mit der sich abzeichnenden Netzkonvergenz können Gas- und Wärmenetze miteinander verknüpft werden, dass sich Möglichkeiten bieten, das Gesamtsystem weiter zu flexibilisieren und zu optimieren. Solche Netzinfrastrukturen stellen ganz neue Anforderungen an die Überwachung sowie an das Krisenmanagement, was zu einem neuen interdisziplinären Berufsbild führt. Während in anderen europäischen Ländern bereits entsprechende Spezialisten ausgebildet werden, fehlt eine entsprechende Ausbildung bis anhin in der Schweiz. Die Ausbildung von Mitarbeitenden an Netzleitstellen ist heute unternehmensspezifisch, eine Vergleichbarkeit der Grundausbildung ist so nicht gegeben.

Diese Lücke füllt die neue Ausbildung zum Dispatcher Energie und Wasser, die sich derzeit im Aufbau befindet. Der eidgenössisch anerkannte Lehrgang bildet Spezialisten für die Überwachung und den Betrieb von Energieversorgungssystemen aus und fokussiert unter anderem auf Inhalte wie Netz- und Betriebsführung, Krisen- und Störungsmanagement sowie die Sicherstellung der Versorgung. Das Modell gewährleistet eine einheitliche, definierte und überprüfbare Grundausbildung. Damit wird auch ein zentrales Anliegen der Branche erfüllt: Bereits 51% der Schweizer EVUs haben gemäss einer Umfrage eine eigene Organisationseinheit für den Bereich Dispatching, 44% planen den Ausbau der diesbezüglichen Kapazitäten.


An einem Strick ziehen

„Es gilt, den Schweizer Energiemarkt für die Zukunft fit zu machen“ – so die Worte von Bundesrätin Doris Leuthard. Dies ist nur zu erreichen, wenn Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an einem Strick ziehen. Die Strombranche nimmt ihre Verantwortung wahr und greift neue Trends frühzeitig auf und entwickelt daraus in Zusammenarbeit mit dem Bund Bildungsangebote, die den geänderten Rahmenbedingungen gerecht werden. Neben den genannten sind derzeit weitere in Planung, so eine Ausbildung zum Spezialist Betrieb und Unterhalt der Energienetze mit eidg. Fachausweis sowie zum Smart-Energy-Spezialisten mit eidgenössischem Diplom. Denn letztendlich ist die Energiewende auch eine „Berufswende“.